Mehr Abwechslung beim Lernen – learning by doing

 

Abwechslung, oder: warum Lernen nervt

Denken wir ans Lernen, dann sehen wir uns förmlich einsam und allein an einem Schreibtisch sitzend. Etwas gekrümmt, die Ellenbogen aufgestützt und das Gesicht direkt über einem dicken, staubigen Buch. Seltener denken wir an Spaziergänge, entspannte Treffen mit Freunden und lockerem Schwingen in der Hängematte. Vieles spricht aber dafür, dass wir mit größerer Abwechslung nicht nur entspannter, sondern auch wesentlich effektiver lernen können. Dazu müssen wir nur das ein oder andere berücksichtigen…Dieser Beitrag ist #7 der Serie „Die 10 Goldenen Lernregeln“. Hier gehts zur Übersichtsseite der Lernserie.

 

Dein innerer Regime-Change

Warum kommen die meisten Olympiasieger häufig aus einzelnen, wenigen Orten? Warum schafft es ein Junge, bei dem ADHS und Leseschwächen diagnostiziert wurde, Jahre später, Gedächtnisweltmeister zu werden? Zufälle? Vielleicht.

Die Lernpsychologie hat allerdings überzeugende Hypothesen dazu formuliert, die zeigen, dass wahrscheinlich unser genetischer Code weit weniger entscheidend ist, als wir uns häufig einreden – es ist die Methode – das System – mit dem Resultate beliebig oft reproduziert werden können. Ein System kontrollierter und ständiger Abwechslung.

Lernen ist Verstehen plus Wiederholung.

Wichtig: Wir müssen unseren Lernstoff verstehen damit unser Hirn die Relevanz erkennt und wir müssen den verstandenen Stoff wiederholen, damit sich die aufgebauten Nervenverbindungen festigen und so die Informationen abrufbar werden. Es hilft ja nichts, wenn wir zwar etwas verstanden haben, uns aber nicht daran erinnern können!

Ging es im letzten Beitrag vor allem darum, wie man dem „Verstehen“ durch einen Überblick auf die Sprünge hilft, geht es heute darum, wie man sich auf das „Wiederholen“ konzentriert und es effektiv gestalten kann.

Eine Ermahnung

Wiederholung ist erst dann sinnvoll, wenn wir den Stoff bereits verstanden haben. Was wir nicht verstanden haben, das werden wir auch durch reines Wiederholen nicht bewältigen können. Warum sollte ich eine Tabelle, die mir beim ersten Mal nichts sagt, beim zehnten Mal Anstarren plötzlich durchschauen?

Warum ist Abwechslung wichtig?

Wenn du deine Umgebung änderst oder mal nicht nur liest, sondern deinen Lernstoff auch hörst oder als Film siehst, dann aktivierst du unterschiedliche Hirnregionen. Gerade das bildliche Vorstellen, das angeregt wird durch Visualisierung (Kopfkino!), ist überdurchschnittlich gut mit unserem Bewusstsein verknüpft.

Kleine Demonstration gefällig?

Denke an dein Badezimmer zu Hause. Betrete jetzt in deiner Vorstellung das Badezimmer und drehe dich im Uhrzeigersinn. Langsam. Erinnere dich, was wo seinen Platz hat und beschreibe, was wo steht (…oder stehen sollte – nicht jedeR ist ja bekanntlich Ordnungsfetischist…)

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass du dich an sehr viele Details erinnerst und auch ziemlich genau weißt, wo was in deinem Badezimmer seinen Platz hat.

Du hast aber wahrscheinlich niemals dasselbe mit einer Karteikarte, einem Lehrbuch oder ähnlichem probiert. Oder?!?

Bei den meisten Menschen ist das visuelle Erinnerungsvermögen derart stark ausgeprägt, dass man sich mit bildhafter Vorstellung unglaublich effektiv und schnell etwa komplizierte Fachbegriffsdefinitionen, Formeln oder bestimmte Schemata merken kann. Denke dir Geschichten zu deinen Definitionen aus. Je absurder, desto besser!

Zwischen Unterforderung und Überforderung

Frustration entsteht, wenn wir uns entweder überfordert fühlen, oder, wenn wir uns unterfordert fühlen. Beides kommt beim Lernen unheimlich schnell vor. Entweder, wir verstehen abstrakten Stoff nicht – dann brauchen wir einfachere Anknüpfungen – …

Dazu gab es einen Beitrag letzte Woche 😉

… oder aber wir sind kognitiv unterfordert. Auch das gibt es tatsächlich!

Nicht immer bemerken wir diese Unterforderung, denn sie taucht nicht unbedingt allein auf, sondern kann Hand-in-Hand mit einer waschechten Überforderung daherkommen. Denke an Vokabelkarten: Du weißt, dass du das Wort übersetzen kannst, du erinnerst dich aber nicht mehr genau an die konkrete Übersetzung. Du bist nicht nur genervt, weil die Karteikarte keine neue Information für dich enthält (Unterforderung), sondern auch, weil du dich an die Übersetzung partout nicht erinnerst (Überforderung). Genau dieser Frustrationseffekt macht Karteikarten in aller Regel zum absoluten Motivationskiller!

Flow als ultimativer Motivationshack

Mihaly Csiksgentmihalyi ist nicht nur der wahrscheinlich am häufigsten falsch geschriebene Name der Welt, er gehört auch einem der einflussreichsten Psychologen des letzten Jahrhunderts. Csiksgentmihalyi hat nachgewiesen, dass wir nicht etwa beim Nichtstun am zufriedensten sind, sondern dann, wenn wir bei bekannten Vorgängen mit leichten und kleinen Neuerungen konfrontiert werden – uns also in der Mitte zwischen Unter- und Überforderung bewegen.

Wenn du also längst bekannte Definitionen, Formeln o.ä. nicht mehr immer und immer wieder auf die immer gleiche Art wiederholst, dann änderst du zwar nicht den Hauptteil (die Definition ist immer noch dieselbe), aber du änderst die äußeren Rahmenbedingungen des Lernens. Diese kleine Veränderung reicht aus, damit du nicht mehr gelangweilt – bzw. unterfordert – bist und sie signalisiert dir gleichzeitig auch, dass du nicht „schon längst wissen müsstest“ was jetzt kommt – womit du eine frustrierende Überforderung vermeidest.

Probier es aus: Es ist verrückt, was Veränderung für die Lernmotivation bewirken kann!

Neuronale Vernetzung

Die gesteigerte Motivation ist aber nur eine Seite der Medaille. Die andere – wesentlich coolere – ist, dass unterschiedliche Sinneswahrnehmungen im Hirn unterschiedliche Nervenverbindungen erzeugen und stärken. Je mehr unterschiedliche Nervenverbindungen existieren, desto stärker ist das Erinnerungsvermögen. Je stärker die Nervenverbindungen ausgeprägt sind, desto weniger „Nachdenken“ brauchen wir, um Informationen abzurufen.

Wenn wir also lesen und hören, dass die Wiederholung auf die immer die gleiche Art und Weise tatsächlich zur Erinnerung beitragen kann, dann stimmt das. Allerdings mit einem großen ABER: Denn zwar können wir beispielsweise eine Definition wie aus der Pistole geschossen und im Tiefschlaf aufsagen, wir können diese Definition aber nicht ohne weiteres in Kontext zu dem setzen, was die Definition eigentlich sagt. Reines Wissen aber, ganz ohne die Fähigkeit es auch anzuwenden, ist schlicht wertlos.

Kannst du dein Studienfach sprechen?

Für Fremdsprachen lässt sich das schön illustrieren: Allein, dass ich sämtliche englischen Wörter kenne und auch weiß, was sie bedeuten, heißt gerade nicht, dass ich deshalb auch englisch sprechen kann.

Die Sprache muss gelebt, gelesen und gesprochen werden.

So geht es letztlich mit allen Informationen, die die Transformation zu Wissen und Fertigkeiten schaffen wollen…

Wie sorgt man für Abwechslung beim Lernen?

Je trockener der Stoff ist, den du lernst, desto wichtiger ist es, dass du selbst andere Hirnregionen aktivierst. Für Fachbegriffe etwa kann es helfen, wenn du dir Geschichten ausdenkst, in denen diese Fachbegriffe eine Rolle spielen. Ein Beispiel aus meinem Jurastudium:

Ich hatte die Definition des „hinterlistigen Überfalls“ zu lernen. Sie lautet: „Überfall ist der Angriff auf einen Ahnungslosen. Hinterlistig ist der Angriff, wenn der Täter planend, berechnend vorgeht, seine wahren Absichten verschleiert und gerade dadurch dem Opfer seine Abwehrmöglichkeiten einschränkt.“

…gähn…

Meine Story (Achtung: Fiction!!!): Jemand steht mit einem Blumenstrauß vor der Haustür seiner Ex-Frau. In dem Blumenstrauß steckt (versteckt) ein Messer. Dieser Jemand hat eine Jeans an und in jeweils einer Gesäßtasche einen Taschenrechner und einen Stadtplan. Gerade als die Frau die Tür aufmacht und vor Freude die Arme hochreißt, sticht der Täter den Blumenstrauß in die Brust. Mit vollkommen überraschtem Blick, sackt die Frau zu Boden…

…blutrünstig…

aber effektiv: Häufig erinnere ich mich nicht mehr an alle Details der Geschichte. Ich weiß aber noch, dass der Täter (warum auch immer) Stadtplan und Taschenrechner dabei hat: Warum? Weil er ja „planend und berechnend“ vorgeht 😉 Die bildhafte Assoziation hilft dabei, dich erst an die Geschichte und nach und nach auch an die anderen Definitionsbestandteile zu erinnern.

Wrap up uuuund…. Action!

Abwechslung kann dabei helfen, uns zu erinnern und hält die Motivation hoch. Male Bilder – auch wenn nur im Kopf – höre Hörbücher und schaue Filme. Rede mit anderen… aber vor allem: Tu was! Und mach viele verschiedene Dinge. Hier ist dein Plan für die erste Woche nach der Lernpause:

  1. Nimm dir vier Definitionen oder Fachbegriffe, die du dir merken möchtest.
  2. Mache dir eine selbstausgedachte Skizze zu den Definitionen und denke dir eine Geschichte aus.
  3. Wiederhole die Geschichte einmal in Slow-mo und einmal in normalem Tempo und
  4. mache einen Tag später die Kontrolle…

Wichtig ist vor allem, dass du etwas machst. Denken und reden kann jeder. Es tatsächlich zu tun – das macht den Unterschied! Setze dir jetzt eine Erinnerung, wann du konkret welchen nächsten Schritt umsetzen wirst.

Hat es geklappt? Kannst du dich besser erinnern? Nutze die Kommentarfunktion und berichte von deinen Erfahrungen –  ich freue mich!


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Eine Antwort auf „Mehr Abwechslung beim Lernen – learning by doing“

Woran denkst du gerade?