In 6 Schritten zum Lernplan, der wirklich funktioniert

Wer Ziele hat, kann Ziele erreichen. Wer keine Ziele hat…der nicht.
Warnung: Der folgende Blogartikel ist länger als üblich. #Longread ???? Für Ungeduldige gibt es unten eine Zusammenfassung. Mit einem Klick kannst du den Text einfach überspringen.

Gut geplant, ist halb gelernt

Ein Plan ist keine Garantie, aber hilft in Situationen, in denen der ganze Uni-Wald mal wieder vor lauter Klausuren, Hausarbeiten und ECTS-Punkten nicht zu sehen ist. Ein Plan ist etwas sehr individuelles und will gehegt und gepflegt werden als wäre er ein leibgewordener Wing-Man für kritische Situationen im Lernalltag….

…doch… warum machen dann die wenigsten einen ausführlichen Lernplan bzw. – wenn sie denn einen machen – halten sich nicht daran?

Alle lieben Kalender

Einerseits ist das garnicht so verwunderlich – ist planen doch mit Aufwand verbunden. Und der gemeine Studi meidet Aufwand, wie ein Engel das Fegefeuer… Andererseits gibt es doch heutzutage eine schillernde Vielfalt an hippen Organisationstools, digital oder zum Anfassen, die uns das Planen erleichtern. Mal ehrlich: Wirklich jedeR ist doch mit irgendeiner Form des Taschenkalenders, Notizbuch oder Smartphone-App ausgestattet, die das systematische Erfassen von Aufgaben, Zielen und Unterzielen eigentlich zum Kinderspiel werden lassen sollte… eigentlich.

Uneigentlich sieht die Welt aber anders aus. Die meisten Kalender weisen nach den anfänglichen, von der Euphorie des Kalenderkaufs getriebenen Eintragungen eine gähnende Leere auf (abgesehen von Kaffeeverabredungen und Urlaubsplänen vielleicht); Notizbücher verwaisen in der zweiten Reihe des Bücherregals und die Smartphone-App bemüht sich mit (eher nervigen) Push-Meldungen vergeblich um die begehrte Aufmerksamkeit.

Noch sooo viel Zeit…

Neben den allgemeinen Schwierigkeiten, die mit dem Erfassen neuer Aufgaben verbunden sind (es ist eben eine „neue“ Aufgabe, die wir in der Regel nicht vollständig einschätzen und überblicken können), ist es vor allem die zeitliche Distanz, die unsere „Planungslethargie“ befördert. Wir pendeln zwischen zwei fatalen Demotivationseffekten: Das Ziel (Diplom, Staatsexamen, Marathon unter 4 Stunden) ist meist ziemlich weit entfernt und daher aktuell weder greifbar noch im Ansatz so relevant wie die neueste Spiegel-Online Nachricht 😉 Im Gegenzug sind aber die sich in naher Zukunft stellenden Aufgaben derart präsent, dass es ziemlich unnütz erscheint, diese Aktivitäten auch noch aufzuschreiben.

Dass beides unmittelbarer Blödsinn ist, sollte einleuchten:

  1. Wir sind unglaublich schlecht darin, Zeiträume einzuschätzen. Wir können mit einem Blick auf den Kalender einem Zeitraum zwar eine Zahl verpassen und auch eindeutig sagen, dass ein Zeitraum größer ist als ein anderer. Gefühlt gibt es für Zeiträume aber nur drei Kategorien: groß, klein oder kaum vorhanden. Dieses Gefühl kann entweder eine Sicherheit (ich habe noch sooooo viel Zeit!) vorgaukeln oder aber zu Panik führen (MORGEN IST KLAUSUR!!!). Beides ist nicht so förderlich. Erst aber, wenn wir einem gefühlten Zeitraum einen definitiven Platz im Terminplan einräumen, können wir den Zeitraum rational beherrschbar machen (Beherrschbarkeit=Sicherheit=emotionale Ausgeglichenheit=optimale Lernvoraussetzung). Wenn ich sehe, dass ich zum Erreichen von Ziel 1 (bspw. Grundlagenklausur) noch 2 Monate Zeit habe, für das Erreichen von Ziel 2 (bspw. Einreichen der Bachelorarbeit) hingegen noch 12 Monate, dann fühle ich auch ziemlich schnell, dass die Klausur das zeitlich dringendere Ziel darstellt.
  2. Warten wir hingegen darauf, dass entfernte Ziele uns so nahe kommen, dass sie alle irgendwie bald anstehen, dann haut uns unsere Aufschieberitis (Prokrastination) mit ziemlicher Wucht auf den Boden – wir sind überfordert. Es ist zwar schon mal ein guter Anfang, alle unmittelbar relevanten Aufgaben aufzulisten – nicht zuletzt, um nichts zu vergessen. Das kurzfristige Aufschreiben der nahen Ziele allein, kann aber zu erschaudernder Verzweiflung führen: Wie soll ich DAS ALLES an EINEM Tag schaffen?

Schritt 1: Ziele und Unterziele

Die Lösung des Problems besteht darin, große Ziele zu definieren – denn dann ist jede Aktivität Teil der Zielverwirklichung.

Wenn wir unser „großes“ Ziel festgelegt haben, können wir dieses in kleine, schnell erreichbare Unterziele aufteilen: Jedes Fach hat Unterthemen, jedes Buch Kapitel und Unterabschnitte, die es gesondert zu lesen gilt. Es ist mit etwas Aufwand verbunden… aber es lohnt sich! Dabei solltet ihr bedenken, dass es notwendige und hilfreiche Unterziele gibt. In anderen Worten: Nicht alles, was Bestandteil des Lehrbuchs oder einer Vorlesung ist, wird sicher auch in der Klausur abgefragt. Finde also heraus, was zum Kernbereich gehört und ordne diese Bereiche nach Wichtigkeit. Wenn du die Basics gemeistert hast, kannst du dich um hilfreiche Zusatzbereiche bemühen.

Schritt 2: Wo stehe ich?

Hast du deine Ziele und Unterziele aufgeschrieben und in notwendig und hilfreich eingeteilt, geht es jetzt darum herauszufinden, welche Fähigkeiten du schon mitbringst. Das wird zu Beginn des Studiums relativ wenig sein, gegen Ende aber umso mehr.

Nur: Vergiss bei dieser Analyse zu „Wo-stehe-ich-eigentlich-gerade“ nicht, dass zu einer guten Klausur etwas mehr dazugehört als reines Fachwissen. Du musst auch die jeweiligen Methoden beherrschen (schnell lesen, lesbar schreiben etc…). Auch zum Erwerb dieser Kenntnisse solltest du Zeit einplanen!

Hast du geklärt, wo du stehst und wohin es geht, dann kannst du mit der konkreten Umsetzung starten…

Schritt 3: Lerneinheiten terminieren

Zwar kann ich es mir nicht so richtig erklären, aber meine Selbstbeobachtungen weisen alle in eine Richtung: Wenn ich mir etwas in meinen Terminkalender schreibe, dann tue ich fast alles, um diesen Termin auch einzuhalten… oder jedenfalls deutlich mehr als bei nicht terminierten Aufgaben 😉 …

Dabei spielt es meiner Erfahrung fast überhaupt keine Rolle, was für einen Termin ich mir eintrage: Ich muss vom Mensaessen aufbrechen, den Kaffeetalk beenden und ein Telefonat auf „Wann anders!“ vertrösten: Ich habe PAUSE in meinem Terminplan stehen 😉

Immer, wenn ich diese Beobachtung in Seminaren mit Teilnehmern teile, ernte ich zustimmendes Nicken. Nicht, dass sich jeder tatsächlich Pausen notiert, aber die Beobachtung, dass eingetragene Termine irgendwie allein dadurch wichtiger werden, können viele bestätigen. Warum nutzen wir das nicht einfach aus?

Probiere es doch einfach aus: Ab jetzt sind Stundenplan und Terminplan eins. Und nicht nur das: Auch die Vorbereitung, die Nachbereitung und die Übungssessions sind Teil dieses Terminplans. Alles wird terminiert.

Zwei Vorteile

Du erreichte dadurch zweierlei: Erstens fällt es dir schwerer, einen Termin dir gegenüber einfach „sausen zu lassen“ und zweitens bekommst du ziemlich schnell eine eindeutige Rückmeldung darüber, ob du einen realistischen Lernplan erstellt hast – oder vielleicht die eine oder andere Veranstaltung besser auf „wann anders“ verlegen solltest.

Achtung: Immer wieder berichten Seminarteilnehmer, dass eine solche Planung und Terminierung bei Kommilitonen auf Unverständnis stoßen würde. „Man hat ja auch noch ein Leben“ und soll nicht nur lernen. Stimmt – und genau darum sollte man tunlichst planen und terminieren. Der Lernstoff wird ja nicht weniger dadurch, dass man ihn unstrukturiert bearbeitet! Es stresst nur noch mehr, nie zu wissen, wann man eigentlich was tun muss, damit es „genug“ ist. Die Gleichung: Weniger Organisieren = Weniger-Tun-Müssen ist halt Quatsch.

 

Die besten Erfahrungen habe ich damit gemacht, den Schwerpunkt des Selbstlernens auf die Vorbereitung von Vorlesungen und Übungen zu legen. So bist du gefühlt immer einen Schritt voraus (was ziemlich gute Laune macht), kannst es dir leisten in der Vorlesung fünf Minuten wegzunicken und weißt trotzdem, worum es eigentlich geht. Schließlich kannst du so auch die Nachbereitung effektiver nutzen; vor allem, um konkrete Fragen zu klären, die sich aus der Vorlesung in Verbindung mit deinem Vorwissen ergeben.

Schritt 4: Der „Was-wenns-schiefgeht“-Entwurf

Schon das Planen und Abhaken einzelner Punkte auf meinem „Masterplan“ ist für mich eine sehr befriedigende Tätigkeit. Haken setzen macht Spaß und verleiht mir das Gefühl von Produktivität…

Wie wir aber wissen, kann alles auch mal schiefgehen: Neben einem Plan A, sollte es daher immer auch einen Plan B und Plan C geben. Die Begriffe Plan B und C sind hier aber nicht im herkömmlichen Sinne eines alternativen Ziels gemeint (sowas wie „Wenn das Examen nichts wird, dann werde ich halt Webdesigner“), sondern im Sinne alternativer Wege, wie wir unser festgelegtes langfristiges Ziel dennoch erreichen können.

Ein paar Beispiele:

  • Wenn Lehrbuch A mir zu kompliziert ist, dann nehme ich mir ein Skript oder einen Artikel.
  • Wenn ein Wecker mich nicht aus dem Bett kriegt, dann stelle ich am nächsten Morgen 5 Wecker, die ich in der ganzen Wohnung verteile.
  • Wenn ich morgens schon wieder nicht in die Bibliothek aufgebrochen bin, sondern im Facebook-Nirvana verloren ging, dann melde ich mich bei Facebook (vorübergehend…keine Sorge) ab.
  • …you know the drill…

Hier geht es weniger um die konkreten Beispiele, als vielmehr um das Prinzip: Wenn wir wissen, dass wir in bestimmten Situationen unvernünftig reagieren, dann ist es doch das Vernünftigste der Welt, diesen Auslösern einfach aus dem Weg zu gehen. Wichtig ist nur, dass man sich seine Ausreden als solche klarmacht und sich im Vorfeld Ausreden-Vermeid-Strategien zurecht legt. UND AUFSCHREIBT 😉

Schritt 5: Belohnungen planen

Mindestens (!) ebenso wichtig, wie Lerneinheiten, Vorbereitungen, Pausen und Veranstaltungen zu planen, ist es, Ziele und Unterziele bereits bei der Planung mit wirkungsvollen Belohnungen zu versehen. Und zwar richtigen Belohnungen! Keine Dann-mach-ich-fünf-Minuten-früher-Schluss-Belohnung… sondern eher eine So-teuer-und-abgefahren-wie-es-geht-Belohnung… (okay, das geht nicht immer, ich weiß. Eine Eis-essen-mit-Freunden-Belohnung ist im Einzelfall auch mal okay 😉 … die Geschmäcker sind ja schließlich auch verschieden…). Dabei gilt: Je größer das Ziel, desto größer sollte auch die Belohnung sein.

Warum gleich mitplanen? –> So verbinden wir ultimativ den Weg zum Ziel mit der Vorfreude auf die Belohnung.

Die Essenz: Meilensteine gehören gefeiert. Gebührend.

Schritt 6: Plan über den Haufen werfen

Kein Plan ist in Stein gemeißelt und selbst Moses musste zweimal ran… im Ernst! Gute Pläne kennzeichnen sich dadurch, dass sie die Ziele im Fokus haben und den Weg flexibel an die jeweiligen Umstände anpassen. Das erfordert, dass man seinen Plan auch mal über den Haufen wirft und neu schreibt…  angesichts der allgemeinen Unvorhersehbarkeit des Lebens wahrscheinlich eher häufiger als seltener 🙂 Das ist nicht nur okay oder „so-ist-es-halt“… sondern das ist richtig gut! Wer schnell merkt, dass etwas nicht funktioniert, der sollte schnell darauf reagieren.

Am Besten entwickelst du mit jeder Lernidee einen kleinen Test, der deine These verifiziert oder falsifiziert: Du meinst, mit Skript A lernst du Thema XY besser als mit Lehrbuch B? Dann vergleiche! Du denkst, du lernst Vokabeln besser mit Hörbuch als mit Karteikarten: Lerne innerhalb von 30 Minuten jeweils so viele neue Vokabeln wie möglich und vergleiche, mit welcher Methode du dir nach einer Stunde mehr Vokabeln merken konntest.

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Was bisher geschah…

Weil das jetzt alles ein bisschen viel war, noch einmal eine kurze Zusammenfassung:

In einem ersten Schritt überlegst du dir so genau wie möglich was du eigentlich erreichen willst und was dafür notwendig an Zwischenzielen erreicht werden muss. Du formulierst ein spezifisches Ziel, dessen Erreichung du genau feststellen lässt. Vermeide schwammige Wertungsbegriffe. Zweitens analysiert du ebenso genau und konkret, wo du gerade stehst. Was fehlt dir, um das Ziel zu erreichen, was kannst du schon? Drittens denkst du nun Schritt für Schritt: Welche Aufgaben wirst du wann auf dem Weg zu deinem Ziel und zu deinen Unterzielen erledigen. Gib deinen Aufgaben jeweils genaue Termine. Es hilft, wenn du einen Planungstag in der Woche hast, an dem du die Aufgaben der kommenden Woche genau planst. Viertens denkst du dir bereits bei der Planentwicklung ganz konkrete Alternativwege und Ausredenvermeidungen aus: Was machst du, wenn deine typische Lethargie zuschlägt? Was machst du konkret, wenn dir ein Termin dazwischen rutscht? Fünftens denke dir ganz konkrete, wirkliche tolle und echte Belohnungen für Unterziele und Ziele aus. Plane kein Ziel ohne damit verbundener Belohnung. Was machst du, wenn du dein Diplom bestanden hast? Sechstens bleib flexibel und passe deinen Plan an deine Fortschritte, Rückschritte und Umwege an. Ein Plan ist kein Selbstzweck. Das Ziel ist das Ziel – wenn notwendig, ändere den Weg!

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Vergiss es nicht und häng dir das Poster über dein Bett! Möchtest du eine Druckversion? Hier gibts den Artikel als PDF.


  • Du willst mehr über das Thema wissen? Dann empfehle ich dir das Buch: Wie ich die Dinge geregelt kriege von David Allen. Der deutsche Titel klingt m.E. nicht so schön (hier die englische Version und… mein persönlicher Favorit: das Hörbuch!), aber das Buch lässt mich nicht mehr los ????. Ziehe dich ein Wochenende mit dem Buch, Tee und/oder Kaffee zurück – es wird sich garantiert auszahlen!
  • Wenn du weiterführende Tipps zur Strukturierung deines Studiums suchst, kann ich dir wirklich die beiden Bücher „Bestnote“ und „Golden Rules“ (beide von Martin Krengel) empfehlen. Es gibt in Sachen Studienliteratur keine besseren Bücher. Echt nicht.
  • Du suchst ein Organisationstool, das dir ermöglich deine Lernsessions genau zu terminieren und alle deine Unterlagen erfasst? Hol dir Evernote-Premium: Damit organisiere ich wirklich alle Lebensbereiche… Als kurze Einführung kann ich dir dieses Handbuch dazu empfehlen. Zusammen mit „Wie ich die Dinge geregelt kriege“, hast du die ultimativen Organisationstools beisammen. Mehr braucht man nicht ????

Jan-Felix

Hallo, ich bin Jan-Felix Kumkar, Lerncoach und Dozent. Hier versorge ich dich mit wertvollen Tipps, wie du motivierter und effektiver durchs Studium kommst und dabei den Spaß nicht verlierst. Hast du Fragen zum Studium, zum Lernen oder Wissensmanagement? Ich freue mich über eine persönliche E-Mail!